Antonia

An einem nasskalten Februartag brachten meine Söhne Axel und Micha eine verletzte kleine Wildtaube ins Haus. Sie hatten das erschöpfte Tier im Rinnstein gefunden und da es sich nicht wehrte, vorsichtig in eine Jacke gewickelt und heimgetragen. Wir nahmen an, dass sie gegen ein Auto geflogen war und sich dabei eine Gehirnerschütterung zugezogen hatte. Das weiß-graue Federkleid war zerzaust und schmutzig, die kleine Taube ließ den rechten Flügel hängen und zitterte vor Angst, Kälte und Schmerz. Wir besorgten uns eine Kiste, legten eine alte Decke hinein, setzten sie darauf und stellten sie auf die Fensterbank im Kinderzimmer. Die Buben beschlossen, sie Antonia zu nennen.

An diesem ersten Tag bei uns fraß Antonia nichts, sie ließ Körner und Brotstücke unbeachtet. Apathisch lag sie da und wir fürchteten, sie würde sterben. Nachts stand ich ab und zu auf und sah nach ihr. Sie döste in halbwachem Zustand vor sich hin und reagierte kaum. Doch am nächsten Morgen, gegen sechs Uhr etwa, rüttelte mich Micha aus dem Schlaf und rief aufgeregt:

„Mama, wach auf! Sie frisst. Sie muss nicht sterben. Es geht ihr schon viel besser!”

Zwar rührte sich die Taube nicht vom Platz, doch sah sie sich interessiert um und horchte auf Geräusche und den Klang unserer Stimmen. Nach einer Woche hatte sich Antonia so weit erholt, dass wir es wagten, das Fenster zu öffnen. Würde sie das Angebot der Freiheit annehmen? Nein! Sie blieb bei uns.

Mittlerweile war Antonia recht zutraulich geworden. Sie fraß uns die Körner aus der Hand und spazierte ab und zu über Tische und Bücherregale. Sie fühlte sich sichtlich wohl. Oft hockte sie auf dem Rand ihrer Kiste und sah zum Fenster hinaus. Es wäre leicht für sie gewesen, einfach zu verschwinden, doch sie tat es nicht. Bis zu jenem Samstag Anfang März.

Es war ihr dreizehnter Tag bei uns. Wir wohnten in einem kleinen Schwarzwalddorf. In der Nacht hatte es bis ins Tal geschneit. Es war bitterkalt. Das Thermometer zeigte minus drei Grad Celsius. Ich öffnete das Fenster des Kinderzimmers, um zu lüften, verließ den Raum und als ich einige Minuten später zurückkam, sah ich gerade noch, wie Antonia sich vom Sims abstieß. Ich beugte mich aus dem Fenster und sah ihr nach. Sie flatterte etwas unbeholfen herum und landete schließlich auf dem Nachbarbalkon. Ich sah lange nach unten, denn ich wollte wissen, was sie tun und wohin sie fliegen würde, obwohl ich sie, nachdem sie auf dem Balkon unten gelandet war, nicht mehr sehen konnte.

Warum ist sie gerade heute gegangen, dachte ich. Während ich meine Hausarbeit erledigte, dachte ich ständig an sie. Ich machte mir große Sorgen. Es war heute so kalt draußen! Wenn sie nun erfror oder verhungerte? Antonias rechter Flügel lahmte immer noch etwas. Was würden die Buben sagen, wenn sie aus der Schule kamen und entdecken mussten, dass Antonia nicht mehr da war?

Eine dreiviertel Stunde hielt ich die Ungewissheit aus, dann klingelte ich bei der Nachbarin und bat sie nachzusehen, ob die Taube auf ihrem Balkon säße. Tatsächlich, sie war da! Sie hockte geduckt in einer Ecke. Als die fremde Frau auf sie zukam, hüpfte Antonia verstört und wild flatternd auf und flog über das Balkongeländer hinweg über die Felder in den nahen Wald.

Ich ging zurück in meine Wohnung, dachte unentwegt an Antonia und ließ trotz der Kälte das Fenster im Kinderzimmer offen, weil ich hoffte, Antonia würde zurückkommen.

Um die Mittagszeit begann es zu regnen. Sturm kam auf. Wo Antonia jetzt wohl sein möchte? Ob sie etwas zu fressen gefunden hatte?

Am späten Nachmittag kamen die Buben tropfnass von draußen und sagten: „Wir haben Antonia überall gesucht und nicht gefunden.” Ich beruhigte sie und antwortete, dass Antonia sich schon allein zurechtfinden würde, schließlich seie sie eine Wildtaube und ein Leben in Freiheit gewöhnt.

Spätabends klingelte es stürmisch an unserer Wohnungstür. Als ich öffnete, stand die Nachbarin da und sagte: „Kommen Sie schnell, ihre Taube sitzt wieder unten auf unserem Balkon.”

Da saß sie tatsächlich; in derselben Ecke wie am Morgen, völlig durchnässt, schmutzig und frierend. Ich näherte mich ihr vorsichtig, um sie nicht zu erschrecken. Sie blieb ruhig sitzen, ließ sich von mir aufheben und streicheln. Es war geradeso, als ob sie darauf gewartet hätte, dass man sie zurückhole in Wärme und Geborgenheit.

Am Ostersonntag hat Antonia uns dann endgültig verlassen.

Es war ein warmer, sonniger Tag.

Sie saß auf Axels rechter Hand, als dieser mit ihr auf den Balkon hinaustrat. Antonia reckte sich, flog auf das Geländer, sah sich noch einmal um und glitt dann davon. Wochenlang war sie verschwunden.

Gestern aber habe ich Antonia wiedergesehen. Sie saß auf dem Ast einer Platane nahe am Haus, umgeben von rotgoldenen Blättern, denn wir haben mittlerweile Spätherbst. Ich erkannte sie an ihrer Federzeichnung.

Ich rief nach ihr, lockte sie, streckte meinen Arm aus, damit sie darauf landen könnte. Antonia sah zu mir herüber. Sie legte das Köpfchen schief, es sah aus als versuche sie, sich an etwas zu erinnern. Gurrend trippelte sie auf dem Ast hin und her. Aber sie kam nicht zu mir.

Nach einer Weile stieß sie sich ab und flog den Hügel hinauf in das nahe Wäldchen.

„Auf Wiedersehen, Antonia,” sagte ich leise, „pass gut auf dich auf.”

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Petra Koch

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