Jogi

An einem Septembertag des Jahres 1975 fuhr ich nach Büroschluss mit der Seilbahn auf Freiburgs Schlossberg hinauf. Ich setzte mich etwas abseits auf eine Bank, schloss die Augen und döste.

Hallo, weckte mich da eine Stimme. Ich erschrak. Vor mir stand ein etwa sechzig Jahre alter blasser und ungepflegter Mann. Seine schwarze Cordhose wurde von einer Schnur zusammengehalten, die braunen Schuhe waren ausgetreten. Man sah auf den ersten Blick, dass er ein Obdachloser war. In der rechten Hand trug er ein Bündel mit seinen Habseligkeiten, in der linken einen Vogelkäfig, in dem ein blauer Wellensittich hockte.

Der Mann schlurfte auf mich zu und fragte: Wollen sie meinen Vogel haben? Geschenkt? Ich schaute mich um. Weit und breit war niemand zu sehen. Ich weiß nicht, antwortete ich unschlüssig. Er setzte sich auf die Bank und stellte den Käfig zwischen uns. Warum wollen Sie ihn verschenken? fragte ich. Er ist doch ein hübsches Tier und sicher mögen Sie ihn sehr.

Das schon. Aber ich kann ihn nicht länger behalten. Die Nächte sind schon recht kühl und bald wird es regnen. Ich habe keine Bleibe, das sehen Sie ja.

Ich fragte ihn nach der Herkunft des Sittichs. Und er erzählte, dass er ihn von einem Kumpel im Gefäng­nis bekommen hatte. Der war zehn Jahre eingesperrt gewesen, wusste dann nicht, wohin mit dem Tier und überließ ihn einfach dem alten Mann, der sein Zellengenosse gewesen war.

Der Wellensittich begann sich zu putzen. Er hatte eine hübsche Federzeichnung. Ich beobachtete ihn und dachte, dass es eigentlich nett wäre, für ihn zu sorgen.

Er ist zahm und kann sprechen. Er wird sich schnell an Sie gewöhnen, meinte der Alte. Er musste meine Gedanken gelesen haben.

Entschlossen sagte ich: In Ordnung, ich nehme ihn mit nach Hause. Meine beiden Buben werden sich freuen.

Der alte Mann atmete auf. Tränen standen in seinen Augen. Er wollte mir die Hand drücken. Ich fühlte mich unbehaglich und wandte mich ab. Er stand auf, nahm sein Bündel und schlurfte davon.

Ich beugte mich über den Käfig und sprach zu dem Kleinen. Auf einmal stand der Alte wieder vor mir und stotterte: Sie werden doch gut für ihn sorgen?

Ja, sagte ich, das werde ich, versprochen. Er nickte und ging end­gültig.

Auf dem Weg zur Seilbahn fiel mir ein, dass ich vergessen hatte, ihn nach dem Namen seines Schützlings zu fragen.

So kam der kleine Kerl in unsere Familie. Er war ein sehr aufgewecktes, intelligentes Tier. Zwei Tage lang saß er im Käfig, spielte und beobachtete uns, sprach aber kein Wort. Am Morgen des dritten Tages begann er seine Gitter­stäbe zu bearbeiten und schrie: Komm schnell Jogi, lecker, lecker!

Jogi hieß er also. Wir lachten und öffneten das Türchen. Er flog sofort zu uns auf den Tisch und begann zu naschen.

Von diesem Tage an führte er ein Leben in paradiesischer Freiheit. Vom frühen Morgen bis zur Dämmerung durfte er sich im Esszimmer frei bewegen. Er verließ es nie, auch wenn die Tür offen stand, Jogi fühlte sich wohl, war munter und anhänglich.

Über zwei Jahre hatten wir nur Freude an Jogi. Dann beobachtete ich, dass er sich seltsam benahm. Er kam nicht mehr so oft zu uns, flog wenig und hielt sich viel im Käfig auf. Manchmal schnappte er nach Luft.

Wir brachten ihn zum Tierarzt, der einen Tumor entdeckte. Damit, so tröstete er, könne das Vögelchen noch jahrelang leben, vielleicht aber auch nur ein paar Wochen. Je nachdem.

Wir beobachteten Jogi nun immer, versorgten ihn mit Medizin, hatten Angst um ihn und hofften, dass er noch jahrelang ...

Er blieb uns nur noch ein paar Monate erhalten, dann starb er.

Meine Söhne und ich legten ihn in ein kleines Kistchen, eingebettet in Watte, und trugen ihn hinauf in den Wald. Dort begruben wir ihn nahe bei einer Bank, von der aus man weit ins Land hineinschauen kann. Kein Platz schien uns angemessener.

Zwei Wochen nach Jogis Tod bummelte ich durch Freiburg. Nach Einkäufen in der Rathausgasse setzte ich mich auf eine Bank am Brunnen. Da fiel mein Blick auf den alten Mann mir gegenüber. Er sah noch verhärmter aus als vor drei Jahren. Seine rauen Hände zitterten. Er erkannte mich wieder, sprach mich an und fragte nach Jogi.

Ich sagte ihm die Wahrheit. Auch, dass Jogi sich bei uns sehr wohlgefühlt habe. Ja, sagte er mehr zu sich als zu mir, er war schon alt und ein so liebes Tier.

Ich schob eine Münze in seine Tasche und ging wortlos fort. Es gab nichts mehr zu sagen.

Dieser Mann würde nie ein Zuhause haben. Und weil er wusste, wie schlimm das ist, hatte er seinen geliebten Jogi verschenkt. Wenigstens der sollte eine Heimat haben...

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Petra Koch

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