Die Geschichte vom naschhaften Kaninchen

An einem wunderschönen Sommermorgen
sagte sich das Kaninchen:
Heut geh ich ein Stück ins Dorf spazieren,
den Hügel abwärts ist's nicht weit.
Es gibt da nämlich einen Garten,
in welchem herrlich anzusehen,
es tropft der Zahn mir, wenn ich's denke,
die allerbesten Möhren stehen.
Ich brauche mich nur dünn zu machen,
dann passe ich durchs Loch im Zaun,
das neulich dort der Hund gegraben.
Ach wär' das himmlisch, wie im Traum.
Es reibt sich blinzelnd seine Augen
und streicht sich glättend übers Fell,
verlässt den Bau und eilt hinunter,
dem Dorfe zu geschäftig schnell.

Gleich findet es im Zaun das Loch,
von drüben sieht es grünlich ragen,
viel Möhrenkraut, es schlüpft hindurch,
Kaninchen knurrt bereits der Magen.
Es schnuppert hier - es schnuppert dort,
wo soll's beginnen nur mit Fressen?
Welch ungeahnte Auswahl doch!
Vor Glück hat's gleich die Zeit vergessen.

Bald liegen viele Möhren da,
herausgezogen, angeknabbert auf dem Sand,
da kommt ganz plötzlich, welcher Schreck,
der große braune Hund ums Haus gerannt.
Vor Angst ganz steif sitzt das Kaninchen nun.
Da ist kein Bau, sich zu verstecken.
Fast ist der Riesenhund heran,
springt's auf, schlägt Haken um drei Ecken.
Ganz kopflos rast's am Zaun entlang,
gefolgt von bitterbösem Schnauben.
Wo ist der Ausgang? Ihm wird bang,
fast könnt es den Verstand ihm rauben.

Da ist sie ja die lose Latte,
schlüpf schnell hinaus, dass Rettung werde.
Es macht sich dünn, hindurchzukrabbeln,
schlägt mit den Läufen wild die Erde.
Sodann ist's draußen - Gott sei Dank.
Dem Schlimmsten scheint's noch mal entronnen.
Wie heftig pocht sein kleines Herz!
Noch hat's die Freiheit nicht gewonnen,
da denkt es: ach die wunderbaren Möhren.
Rennt aber hakenschlagend weiter schnell.
Vielleicht sollt ich mir ihretwegen wehren?
Im Nacken hört's noch immer wütendes Gebell.

Endlich - am Wald bleibt's vor Erschöpfung stehen,
geduckt. Ich kann nicht mehr, was soll, das komme,
doch hilf mir lieber Gott, so will ich nie mehr
Möhren stehlen schluchzt es hoch zur Sonne.
Es schaut sich ängstlich um als ob's
erwartet den Biss des Hundes, doch sieh
welche Stille! Voll Frieden liegt
die Wiese in der Mittagshitze,
nur fern am Bach zirpt fröhlich eine Grille.
Kaninchen atmet auf,
begreift, dass die Gefahr vorüber,
huscht flink hinüber in den
Schatten alter Buchen, putzt sich den Bart,
bringt's Fell in Ordnung, denkt:
Vielleicht kann ich's ja morgen noch einmal versuchen?
Die Möhren ... ach die wunderschönen Möhren!

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Petra Koch

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