Der alte Apfelbaum

Es war einmal ein junger Bauer, der fuhr an einem sonnigen Junimorgen mit Traktor und Anhänger hinaus um auf seinen Feldern nach dem jungen Sommerweizen zu sehen. Als er von der schmalen Fahrstraße auf einen Feldweg abgebogen war, der durch seine Wiesen führte, sah er ein kleines, kaum kniehohes Bäumchen am Wegrand liegen. Der Bauer hielt den Traktor an, stieg ab und besah sich das Bäumchen. Es konnte noch nicht lange da liegen, denn seine Wurzeln waren noch frisch und die Erdklumpen dazwischen noch etwas feucht. Jemand hat es wohl während seines Morgenspaziergangs hierher geworfen, dachte der junge Bauer. Er trug sehr viel Liebe zu seinem Land in seinem Herzen und ebenso zu allem, das ihm anvertraut war. Er hob das Bäumchen auf. Du bist ein Apfelbäumchen, sagte der junge Bauer, ich kann dich nicht in der Sonne verdorren lassen. Wir werden jetzt zusammen ein schönes Plätzchen für dich suchen, wo ich dich wieder einpflanze. Du darfst wachsen und stark werden und wunderschöne Frucht tragen. Das Bäumchen hörte die Worte des Bauern und obwohl es sie nicht verstand, fühlte es doch seine guten Absichten und war darüber sehr froh, hatte es doch große Furcht gehabt, in der heißen Mittagssonne zu verdorren. Der junge Bauer legte das Bäumchen in den Anhänger und startete den Traktor. Langsam fuhr er den Feldweg entlang durch die Wiesen auf der Suche nach einem geeigneten Platz für das Bäumchen. Nahe an einem Wanderpfad, der Wiese und Wald voneinander trennte, hob er ein Loch aus, setzte das Apfelbäumchen hinein und sagte zu ihm: Hier hast du genug Morgensonne und nachmittags genug Schatten, der Boden ist gut, dieser Platz ist genau richtig für dich. Er schaufelte das Pflanzloch wieder zu, begoss die Erde rundum mit Wasser aus einem Kanister, den er vom Hof mitgenommen hatte und als er damit fertig war, sagte er zu dem Bäumchen: Ich werde nach dir sehen, Kleiner. Viel Glück. Danach warf er Schaufel und Kanister zurück in den Anhänger, stieg auf den Traktor und fuhr davon. Das Apfelbäumchen freute sich, dass ihm eine neue Chance zu leben und zu wachsen gegeben wurde. Es streckte seine Ästchen der Sonne entgegen. Während des ersten Sommers auf der Wiese grub es seine Wurzeln tief in die Erde und dachte sich: Ich will groß und stark werden und gute Früchte hervorbringen. Der Bauer soll seine Freude an mir haben.

So geschah es. Der kleine Apfelbaum wuchs kräftig. Er überstand den ersten harten Winter, trieb im Frühjahr neue Blätter und Blüten und bildete die ersten Fruchtstände aus. Der junge Bauer sah nach ihm, wenn er auf den nahen Feldern das Getreide aussäte oder auf der Wiese das Heu einholte. Du bist ein guter Baum, sagte er dann zu ihm. Als das Bäumchen die ersten kleinen Äpfelchen trug, pflückte der Bauer einen davon, rieb ihn an seine alten Jacke blank und sagte: Schau mal, er glänzt als hättest du den Sonnenschein eingefangen.

Oh ja, dachte das Bäumchen, das hab ich. Ich habe den Sonnenschein eingefangen.

Das war vor langer Zeit gewesen. Viele Jahreszeiten hatte der Apfelbaum seither erlebt. Voll Freude und Lebenslust hatte er in jedem Frühjahr neue Blätter und Blüten getrieben. In jedem Herbst bogen sich seine Äste unter der Last seiner Früchte. Wenn der Bauer mit seinen jungen Söhnen kam, um die Äpfel zu pflücken, so sagte er zu dem Baum: Du machst mir Freude Baum, denn deine Äpfel schmecken einfach köstlich. Und er sammelte die knackigen rotbackigen Äpfel in Holzkisten ein und lud sie auf seinen Traktor, um sie auf dem Markt zu verkaufen. Von Zeit zu Zeit beschnitt er des Apfelbaumes Zweige, heilte die Wunden in seiner Rinde und während er das tat, sprach mit dem Baum wie mit einem guten Freund.

Die Jahre gingen dahin. Der Apfelbaum wurde alt und auch der Bauer wurde alt. Ein neuer Herbst nahte und der Apfelbaum wartete darauf, dass der Bauer käme um seine Äpfel einzusammeln, aber der Bauer kam nicht. Es wurde Oktober. Die Herbststürme fegten über das Land und rissen die schönen rotbackigen Äpfel von den Ästen. Zu Hunderten lagen sie nun unter dem Baum und auf dem Wanderweg. Manchmal spielten die Spaziergänger, die vorbeikamen Fußball mit ihnen. Was macht ihr da, rief der alte Apfelbaum ihnen zornig zu, habt ihr keine Achtung vor mir? Warum nehmt ihr meine Äpfel nicht mit? Erkennt ihr nicht, dass ich den Sonnenschein darin eingefangen habe? Seht doch, wie saftig und schön sie sind! Aber die Leute hörten nicht auf ihn, denn sie verstanden seine Sprache nicht. Es wurde November und noch immer hingen Äpfel schwer am Baum. Sie fielen zu Boden, faulten und dienten jetzt nur den Schnecken und Käfern zur Nahrung. Das machte den Apfelbaum traurig, denn er konnte sich nicht erklären warum der Bauer nicht kam, noch was geschehen war.

Im nächsten Frühjahr trieb der alte Apfelbaum nur wenige Blüten aus. Noch immer war der alte Bauer nicht gekommen um nach ihm zu sehen. Stattdessen kam eines Tages der älteste Sohn des Bauern, der mittlerweile ein Mann geworden war, besah sich den Baum und sagte zu sich selber: Der Baum taugt nichts mehr, ich werde ihn abhauen lassen und die Wiese hier am Wanderweg als Bauland verkaufen. Diese Worte erschreckten den alten Apfelbaum sehr. Und weil er voll Furcht darauf wartete gefällt zu werden, wurde er sehr traurig und trug in diesem Jahr nur wenige Äpfel. Sie waren klein und grün und fielen schon früh von den Zweigen. Mein Leben ist sinnlos geworden, dachte er traurig. Niemand achtet mich mehr.

An einem schönen sonnigen Morgen Anfang September kam eine alte Frau mit einem Rucksack auf dem Rücken an dem Apfelbaum vorbei. Als sie die kleinen grünen Äpfel unter dem Baum liegen sah, blieb sie stehen, stützte sich an den Stamm des Baumes und sagte: Gut dass ich hier vorbeikomme, alter Baum. Deine Äpfel sind gerade richtig, um Apfelgelee davon zu kochen für mich und meine Enkelkinder. Ich werde mir meinen Rucksack voll packen, du hast sicher nichts dagegen. Es reut mich, zu sehen wie deine Äpfelchen auf der Erde verfaulen. Der alte Apfelbaum freute sich über die Worte der alten Frau. Sie machten ihm Mut und milderten seine Traurigkeit. Endlich war da wieder jemand, der ihn achtete, wie der alte Bauer, den er so sehr vermisste. Die alte Frau sammelte Äpfel in ihren Rucksack, soviel sie tragen konnte und auch am nächsten Tag kam sie und sammelte die kleinen grünen Äpfel auf. Ich komme bald wieder, sagte sie zum Abschied.

Im nächsten Frühjahr wurde die Wiese tatsächlich zu Bauland. Ein Haus wurde gebaut, ein zweites, ja eine ganze Siedlung entstand im Laufe der Monate. Doch niemand war gekommen, um den alten Apfelbaum zu fällen. Stattdessen wurde ein Zaun gebaut, der das Wohngebiet gegen den Wanderweg abgrenzte. Der alte Apfelbaum stand jetzt jenseits dieses Zaunes am Wanderweg und trieb neue Früchte. Statt des Bauers kam nun regelmäßig die alte Frau auf ihren Spaziergängen vorbei und sprach mit ihm wie mit einem Freund. Gegen Ende des Sommers schaute sie, ob seine Äpfel schon gut genug wären für Apfelgelee und sammelte sie erneut ein.

An einem sonnigen Tag im Spätherbst brachte die alte Frau ihre Enkelkinder mit, einen Jungen und ein Mädchen. Alle drei rasteten unter dem Baum, wie es früher der Bauer und seine Kinder getan hatten. Der Junge und das Mädchen packten ihre Butterbrote aus. Die alte Frau holte ein Glas aus dem Rucksack und hielt es in die Höhe. Schau, du alter Baum, sagte sie, was aus deinen kleinen grünen Äpfeln geworden ist: ein wunderbares Gelee. Sieht es nicht aus wie eingefangener Sommer, eingefangener Sonnenschein? Ja Oma, sagten die Kinder, der Apfelbaum hat die Sonne eingefangen und wir haben sie in Gläser gemacht. Und nächstes Jahr machen wir das wieder. Das Gelee aus deinen Äpfeln lieber Baum, schmeckt viel besser als Marmelade aus dem Supermarkt. Die alte Frau schraubte das Glas auf, holte einen Löffel aus dem Rucksack und bestrich die Butterbrote der Kinder mit dem goldgelben Apfelgelee. Jetzt essen wir Sonne, sagte das Mädchen. Sie biss in das Brot, schaute auf und sagte: Danke Baum, für deine Arbeit. Der Apfelbaum hörte es und freute sich sehr. Ihr habt recht, dachte er. In unzähligen Jahren meines Lebens habe ich der Hitze und Kälte getrotzt, habe der Trockenheit und dem Regen widerstanden, habe den Stürmen die Stirn geboten. Jahr für Jahr habe ich vergnügt den Sonnenschein eingefangen, im Frühling in meinen Blüten, während des Sommers in meinen Früchten, denn es ist meine Natur und der Sinn meines Lebens. Und ich will, auch wenn ich mittlerweile alt und müde bin weiterhin Früchte hervorbringen als Dank für die Liebe und Anerkennung, die ihr mir entgegenbringt. Während die alte Frau und die Kinder im Schatten des Apfelbaumes ihre Brote verzehrten, erinnerte sich der alte Apfelbaum an den Bauern und seine Söhne, die vor vielen Jahren ebenso in seinem Schatten geruht hatten und er fühlte sich auf einmal erfüllt von neuer Kraft und neuem Lebensmut. Er streckte seine Äste in den Himmel, fing einen Windhauch ein und raschelte verspielt mit seinen Zweigen.

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Petra Koch 01/2012

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