Die geheimnisvolle Truhe

In den Ferien besucht Peter
Tante Erna auf dem Lande.
Sie bewohnt ein altes Haus,
gebaut vor der Jahrhundertwende.
Mit Mansarden, Türmchen, Erkern
sieht es seltsam aus:
Grauer Putz und Efeuranken,
blinde Scheiben manches Fenster,
nachts das knistert's im Gemäuer
als flüstern Gespenster.
Von den Mauern rieselt Kalk.
Holzwurm nistet im Gebälk.
Mit den losen Schindeln
kann der Wind oft spielen.
Drinnen ächzen alte Dielen
unter jedem Schritt.
Peter liebt das alte Haus.
Immer gibt es in den Räumen
etwas Neues zu entdecken.
In den Winkeln und den Ecken
kann er herrlich sich verstecken,
wenn die Tante ruft.
Doch am Ende einer Woche
hat er alles schon geseh'n.
War im Keller und im Schuppen,
wo das Holz gestapelt liegt,
weiß wie man die Speisekammer aufkriegt,
ohne dass sie quietscht,
kennt jeden Raum bis unters Dach.
Doch die steile Bodentreppe,
schon ein bisschen morsch,
und den alten Teil vom Speicher
hat er nicht erforscht.
Tante sieht's nicht gern.
Samstagabend da beschließt er:
in der Morgendämmerung,
wenn die Tante fest noch schlummert,
sehe ich mich dort oben um.
Das Tantchen braucht's ja nicht zu wissen,
muss halt leise sein.
Er zieht die Decke hoch ans Kinn,
kuschelt sich in seine Kissen
und mit solcherlei Gedanken
schläft er schließlich ein.
Noch wirft bleich des Mondes Schimmer
Schatten an die Wände,
über Schrank, Tisch, Bücherbrett,
da steigt Peter aus dem Bett,
schleicht aus seinem Zimmer.
Dunkel ist der Gang.
Tappt mit beiden Händen
an der Wand entlang.
Aufgepasst!
Die vielen, vielen alten Dielen
knarren sonst im Haus.
Wo ist der Geländerknauf?
Ah, hier geht's hinauf!
Peter schleicht die Stiege hoch,
barfuß. Schläft die Tante noch?
Lauschend bleibt er steh'n.
Durch das Fenster blinken Sterne
und das Licht der Gaslaterne
hellt treppauf den Weg.
Leis' tappt Peter weiter,
er sucht die Tür zum Speicher.
Rostig steckt ein Schlüssel
in dem alten Schloss.
Peter dreht ihn sorgsam,
stößt die Türe auf,
steht dann still und lauscht.
Stille. Er tritt ein.
Moder in der Luft, seltsamer Geruch.
Auf den schwarzen Balken sitzt uralter Staub.
Hier kommt schon seit Jahren
niemand mehr herauf.
Durch die blinde Luke
dringt kein Sternenlicht. Peter nimmt
des Nachthemds Zipfel auf und wischt
in die kleine Scheibe ein kreisrundes O,
schreibt W dazu für WO.
Wie geheimnisvoll das hier oben ist.
Durch das WO im Fenster fällt ein bisschen Licht.
S' ist ein Mondenstrahl.
Peter kann sich umsehn.
Ah, da liegt ein Schal,
gelb, voll Mottenlöcher,
ganz und gar zerfressen.
Ein zerbrochener Köcher hängt an einer Wand.
Darunter steht ein Spinnrad.
An der morschen Spindel
ein alter Fetzen Hanf.
Peters Blicke schweifen.
Welche Herrlichkeiten:
Eine Schneiderpuppe und die Blumenbank
zieren Schnitzereien,
dort ein Helm. Blitzblank?
Eine alte Lampe mit metallenem Fuß,
Peter kann's erfühlen,
ist dick voll schwarzem Ruß.
Im verborg'nen Winkel unter dem Kamin,
unter Spinnennetzen fast nicht mehr zu sehn,
entdeckt er eine Truhe, schleicht vorsichtig rüber,
kniet sich davor nieder.
Er bläst über den Deckel,
fährt mit seinen Fingern suchend übers Schloss.
Da ist ja der Schlüssel, rau und braun vom Rost.
Peter pustet über'n Staub,
kneift die Nase zu, weil er niesen muss.
Die Tante ist nicht taub.
Ob ich wohl die Kiste
einmal öffnen soll, denkt Peter,
es wäre toll, fände ich was zum Spielen
aus der alten Zeit.
Ach, der Deckel klemmt!
Peter stöhnt und stemmt
sich von vorn dagegen,
drückt ihn ächzend hoch. Da – nun rührt er sich!
Himmel, welch Gewicht!
Mit einem dumpfen Knarren
springt die Truhe auf.
Peter rümpft die Nase, schrecklicher Geruch,
Mottenpulver, Kampfer, abgestandene Luft!
Eine alte Zeitung liegt gleich obendrauf.
Peter kann das Datum sehn:
23. Oktober 1910.
Darunter alte Kleider,
eine Federboa und geknöpfte Stiefel,
zwei Florentinerhüte und ein Schultertuch,
ein roter Stulpenhandschuh –
Oh! Da liegt ein Buch!
Peter fasst es an.
Schnörkelige Schrift auf dem Leineneinband.
Verbogen und zerschlissen liegt's in Peters Hand,
dick voll grauem Staub und hässlichen Altersflecken,
braun wie dürres Laub,
Blätter halb zerrissen.
Auf der Innenseite eine Widmung
in verblasster blauer Tinte:
Weihnachten 1898
meinem Franz
Tante Sieglinde.

Ob was da so drinsteht
interessanter ist als die Sachen,
die man heute so in Büchern liest?
Peter blättert vorn und hinten,
sieht da wimmelt's drin
von ERZäHLUNGEN, Gedichten,
lustigen Versen, Tiergeschichten...
Er klappt den Truhendeckel zu.
Unterm rechten Arm das Buch
geht Peter zur Dachluke,
hebt den Schal auf, putzt sie blank.
So nun kann er lesen.
Eine wackelige Fußbank
steht das wie gerufen.
Darauf setzt er sich.
Peter schlägt das Buch auf.
Neugier schärft den Blick.
Er entziffert grad die überschrift auf Seite 7, ein Gedicht... Pst!
Hört er da nicht...
Hört er da nicht leises Tappen,
flüstern, knistern, schlurfen kleiner Schlappen?
Peter hält den Atem an.
Ei, was kann er sehn:
Winzig kleine Wesen, etwa acht bis zehn,
kaum drei handbreit hoch,
in verbleichten Fräckchen, ausgefransten Jäckchen,
viel zu weiten Hosen und im Strumpf ein Loch!
Tragen rote Zipfelmützen auf dem kleinen Schopf!
Faltig die Gesichter, eisgrau Haar und Bart.
Lustiges Gelichter!
Sie lugen kichernd aus den Ecken,
Augen schwarz wie Kohlen,
spielen dort verstecken,
schaukeln auf dem Spinnweb,
purzeln im Gebälk, huschen ums Kamin,
blinzeln aus dem alten Helme dort am Haken – diese Schelme!
Zweie hocken auf dem Spinnrad,
flüstern hinter hohler Hand, lachen perlend,
sehn ihn fragend an. Und dann springt der Kleinste
flink an Peters Beine, klammert sich dran fest,
lugt zu ihm empor.
Von den Balken,
aus den Ecken hüpfen sie nun vor.
Zaghaft erst, dann immer frecher
kichern sie im Chor.
Setzen sich vor ihm zu Boden,
brav im Kreise, sind ganz plötzlich leise.
Eines klettert auf den Schemel,
zeigt aufs Buch in Peters Hand,
zieht ihn am Gewand, schlägt die Seite um.
Alle warten stumm.
Fährt mit seinen Fingerchen deutend auf die Zeilen,
blinzelt Peter bittend an.
Wie sein Blick doch fleht.
Peter lächelt. Er versteht:
diese winzig kleinen Wichte
betteln um eine Geschichte.
Oh, die alte Schrift.
Fließend geht das nicht!
Doch er liest den Kleinen vor,
zaghaft erst, dann immer besser
und sie sind ganz Ohr.
Wie die Zeit vergeht!
Langsam kriecht aus dunklen Ecken
schon der helle Tag.
Peter liest und liest.
Seine Stimme, leises Flüstern
übertönt das Raunen, Wispern
aus dem kleinen Kreis.
Und die Zeit verfließt.
Peter flüstert, blättert, liest.
Plötzlich trifft der Morgensonne Schein
ihn ins Gesicht.
Peter blinzelt, schaut ins Licht.
Sieht auf sich herab.
Oh, wie seh' ich aus.
Schwarz und schmutzig,
staubig, rußig.
Und die kleinen Wesen
sind verschwunden. Nie gewesen?
Seltsam ist das hier, denkt Peter.
Es gruselt mir. Modriger Geruch
entströmt dem alten Buch.
Besser ist's ich geh jetzt runter,
vielleicht ist die Tante munter,
das wär' mir nicht recht.
Und er schleicht zur Speichertüre,
zieht sie auf, huscht schnell hinaus,
dreht den Schlüssel um.
Still ist's noch im Haus.
Er wagt kaum zu atmen,
als er abwärts geht,
huscht flink in sein Zimmer
und hinein ins Bett.

PETER; hörst du, aufstehn.
Frühstück ist bereit, hört er Tante rufen,
es gibt heute Streuselkuchen.
Peter knurrt ein bisschen,
streckt sich und erwacht.
Er erinnert sich deutlich:
welch eine Nacht.
Schaut unter die Decke nach seinem Hemde,
erschrickt, na so was,
springt zum Spiegel,
besieht sich die Hände,
die Füße – verwundert
und kann es nicht glauben:
alles ist sauber wie am Abend zuvor.
Er schaut aus dem Fenster,
denkt nach und lacht.
Was hätte die Tante ein Gesicht gemacht!
Geträumt hat er, dass er auf dem Dachboden war,
ist doch klar.
Er setzt sich vergnügt
an den Frühstückstisch dann
und lächelt die Tante strahlend an.
Guten Morgen.

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Petra Koch 2002

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